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Nächster Stuttgart 21-Halt: Abstellbahnhof!

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Die Sängerhalle im Stuttgarter Stadtteil Untertürkheim bot jüngst den Schauplatz für den Erörterungstermin zum  Abstellbahnhof Untertürkheim, den die Deutsche Bahn im Zuge ihres umstrittenen Tiefbahnhofprojekts Stuttgart 21 bauen will. Zwei Tage lang wurde über das Für und Wider der geplanten 10,1 Hektar großen Rangier- und Waschanlage diskutiert. Sie soll den heutigen Wartungsbahnhof Rosenstein ersetzen, da sich dieser nicht an den künftigen Tiefbahnhof anschließen lässt. An dessen Stelle soll ein neues Wohnquartier entstehen. Die Fläche befindet sich schon seit Jahren in Besitz der Landeshauptstadt.

Beim Bau des Ersatz-Abstellbahnhof, den die Züge im Ringsystem von Stuttgart 21 aus beiden Durchfahrtsrichtungen des Tiefbahnhofs erreichen können, scheint die Bahn auf den ersten Blick einfach zu haben. Denn er ist auf einem ehemaligen Güterbahnhofgelände vorgesehen. Anders als in den anderen S21-Bauabschnitten braucht es keine aufwendigen Hoch- und Tiefbauten, weder Brücken noch Tunnels sind zu betonieren. Um die geplanten 23 Abstellgleise mit einer Gesamtlänge von knapp neun Kilometern legen zu können, müssen auf dem verwaisten Areal neben dem Daimler-Stammwerk „nur“ 204 000 Kubikmeter Aushub bewegt, Dutzende Weichen eingebaut sowie eine knapp 300 Meter lange Waschhalle und ein Technikgebäude errichtet werden.

Dennoch erfährt die „Vorhabenträgerin“ für ihre Pläne Widerspruch. Beim Regierungspräsidium Stuttgart (RPS), das im Auftrag des Eisenbahnbundesamts (Eba) das Planfeststellungsverfahren durchführt, gingen 370 Einwendungen ein – „von denen 220 Mustereinwendungen waren“, wie Versammlungsleiterin Getrud Bühler vom RPS zum Erörterungsauftakt erwähnte. Während Bau und anschließendem Betrieb der Abstellanlage befürchten Anwohner zusätzlichen Lärm. Was die Bahn bestreitet.
Gelände des geplanten Abstellbahnhofs von Stuttgart 21
So gebe es beim Lärmschutz gab es gegenüber früheren Planungen deutliche Fortschritte, unter anderem indem ein vorhandenes Durchfahrgleis für Güterzüge rund 100 Meter von der Wohnbebauung wegverlegt wird. Nach Aussagen der Bahngutachter werde es künftig weiträumig leiser in dem Stadtteil sein als früher. Nur an 17 Häusern rechne man in den oberen Stockwerken mit höheren Schalldruckpegeln, die mit passiven Maßnahmen wie Schallschutzfenstern auf zulässige Grenzwerte reduziert werden sollen.

Beobachter sehen deshalb den Natur- und Artenschutz als Damoklesschwert über dem Abstellbahnhof baumeln. Die Umweltverbände NABU, BUND und LNV befürchten den Verlust wertvoller Biotope mit streng geschützter Fauna. Konkret sollen 4350 Mauereidechsen und eine unbekannte Anzahl von seltenen Wildbienen auf dem Gelände leben, das seit rund zwei Jahrzehnten sich selbst überlassen ist. Die Bahn will alle Mauereidechsen auf zwei Bahnareale in Stuttgart umsiedeln. Die Ersatzhabitate sind allerdings mit zusammen 4,7 Hektar weniger als halb so groß wie der bisherige Lebensraum. Zudem leben dort bereits Artgenossen in unbekannter Zahl. Eine Überpopulation könnte aber etlichen der Umgesiedelten das Leben kosten. Auch deshalb hat die Bahn vorsorglich eine Ausnahmegenehmigung vom Tötungsverbot beantragt, das laut Gesetz für geschützte Tiere besteht. Dem will die obere Naturschutzbehörde offenbar nicht widersprechen. Ein möglicher Verlust von Untertürkheimer Einzelindividuen sei vertretbar, weil er den Gesamtbestand der Stuttgarter Mauereidechsenpopulation von 140 000 Tieren nicht gefährde, heißt es in einer Stellungnahme, die POlitoGo vorliegt. Sollte das Eisenbundesamt der Verbringung nicht zustimmen, hat die Bahn „hilfsweise“ den Verbleib der Tiere auf dem Gelände des geplanten Abstellbahnhofs beantragt. Auf deutsch: die Tiere sollen dann gefällig selbst schauen, wie sie während der mehrjährigen Bauphase und nach Inbetriebnahme der Anlage klar kommen.

„Mauereidechsen sind Zeigertiere“, betont Artenschutzexperte Hans-Peter Kleemann vom NABU, dass es nicht nur um Reptilien geht. Über die Jahre hinweg hätten weitere seltene Arten den stillgelegten Güterbahnhof besiedelt. So wurden 34 Wildbienenarten auf dem Areal nachgewiesen. Darunter die vom Aussterben bedrohten Sandrasen-Kegelbiene, Matter Natternkopf-Mauerbiene, Sand-Blattschneiderbiene und Blauflügeliger Sandschrecke, die national geschützt sind. Zudem wurden r seltene Heuschreckenarten entdeckt. „Was unter der Bodenoberfläche lebt, wird erst gar nicht beachtet. Wir verlieren durch den Abstellbahnhof nicht nur Mauereidechsen, sondern 50 bis 60 weitere Arten“, sagt Kleemann. In Zeiten des Insektensterbens dürfe dies nicht ignoriert werden.

„Die Bahn vernichtet nach ihren eigenen Unterlagen 7,3 Hektar Biotopfläche. Damit gehen wertvolle Lebensräume ohne Kompensation verloren“, beklagt auch Wolf-Dietrich Paul vom BUND Kreisverband Stuttgart. Denn als Ausgleich dafür will die Bahn 1,5 Millionen Ökopunkte erwerben und damit die Aufwertung eines Eichen-Hainbuchenwaldes in Schwäbisch-Hall finanzieren. „Trocken-warme Lebensräume in Stuttgart durch Waldaufwertung woanders zu kompensieren, ist fachlich unvertretbar, auch wenn es rechtlich möglich sein sollte“, lehnt Paul einen derartigen „Ablasshandel“ ab. Der BUND sowie die Stadt Stuttgart hätten Alternativvorschläge zum Schutz der Fauna unterbreitet, die der Bahn seit langem vorlägen. Warum diese nicht umgesetzt werden, habe die Bahn trotz mehrfacher Nachfrage während des Erörterungstermins nicht erläutert, so Paul. Aus Sicht der Naturschützer sei die Erörterung deshalb unbefriedigend verlaufen. „Ich rechne mit einem Rechtsstreit, wenn die Bahn sich nicht bewegt“, kündigt NABU-Vertreter Kleemann an, gegen eine Genehmigung klagen zu wollen.

Stuttgart 21 Abstellbahnhof Untertürkheim
Damit droht der Untertürkheimer Abstellbahnhof endgültig zur unendlichen Geschichte zu werden. Denn der erste Bauentwurf stammt auf dem Jahr 2004. Diesen zog die Bahn im Jahr 2010 im Zuge der Finanzierungsvereinbarung zurück. 2014, als sich bereits milliardenschwere Kostensteigerungen für Stuttgart 21 abzeichneten, präsentierte der Schienenkonzern modifizierte Pläne, die durch den Verzicht auf teure Überwerfungsbauwerke rund 100 Millionen Euro einsparen sollten. Doch auch diese Pläne ließ der Konzern wieder fallen, weil die Lärmbelastung der Anwohner zu groß geworden wäre. Der dritte Bauantrag in 2016 scheiterte an der geplanten Umsiedlung von Mauereidechsen in einen Esslinger Weinberg. Wie sich bei näherer Untersuchung herausstellte, befand dort bereits eine große Zauneidechsenpopulation, die ebenfalls europarechtlich streng geschützt ist. Das aktuelle Verfahren ist somit der vierte Anlauf, den Abstellbahnhof in trockene Tücher zu bekommen. Gibt das Eba grünes Licht, will die Bahn Ende 2021 mit dem Bau beginnen.

Ohne den Untertürkheimer Abstellbahnhof sei im neuen Stuttgarter Durchgangsbahnhof weder ein leistungsfähiger noch wirtschaftlicher Betrieb möglich, betonte Florian Bitzer von der S21-Projektgesellschaft während der Erörterung. Denn dann „müssten wir Geisterzüge ganz weit durch die Region fahren, um sie abstellen zu können“. Dennoch werde man den Tiefbahnhof auch in Betrieb nehmen, wenn der Abstellbahnhof nicht bis zu Inbetriebnahme von Stuttgart 21 Ende 2025 fertiggestellt sei, kündigte Bitzer an. Offenbar rechnet die Bahn bereits mit weiteren Verzögerungen durch Klagen von Naturschützern.



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