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Lichter aus im Warenhaus

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Veröffentlicht von info@politogo.de in Wirtschaft · 10 Juli 2020
Tags: GaleriaKarstadtKaufhofStuttgartBadCannstattSchließung
Die Flucht vom abgasbelasteten Cannstatter Wilhelmsplatz ins benachbarte Kaufhaus lohnt immer. Denn sie wird belohnt mit betörenden Düften: Wer die doppelten Schwingtüren, untrügliches Zeichen überkommener Warenhausarchitektur, überwindet, taucht ein in eine großzügige Parfümabteilung. Der Odeur von mittelpreisigen Wässerchen schwängert die Luft. Weiter hinten in den neonbeleuchteten Räumlichkeiten herrscht die Sehnsucht nach Ferne: eine Armee an Reisekoffern salutiert zwischen Handtaschen aus echtem und künstlichem Leder. Schreibutensilien vervollkommnen das Angebot im Erdgeschoss des Kaufhauses im größten Stuttgarter Stadtbezirk, das dem in finanzielle Schieflage geratenen Kaufhauskonzern „Galeria Karstadt Kaufhof“ gehört – und dessen Tage seit kurzem gezählt sind.

Bundesweit 56 Filialen mit über 5000 Beschäftigten will das Essener Unternehmen im Rahmen eines Einsparprogramms schließen, wie vor wenigen Tagen publik wurde. Während die beiden großen Filialen in der Stuttgarter City weitergeführt werden, gibt es für das mit 6500 Quadratmeter Verkaufsfläche kleinste Kaufhaus des Konzerns keine Zukunft. 38 Beschäftigte verlieren hier ihren Job.

Der Strukturwandel im Einzelhandel hin zum Online-Geschäft soll Schuld am Sterben der klassischen Kaufhäuser sein, sagen Experten. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi spricht zusätzlich von krassen Fehlentscheidungen des Galeria-Managements, für die nun die Beschäftigten den Kopf hinhalten müssten. Die Corona-Pandemie mit wochenlangem Lockdown habe den Niedergang beschleunigt.

Thesen, die sich Cannstatter Kaufhof bestätigen: Parfüms waren schon in normalen Zeiten keine „Schnelldreher“, mit denen sich viel Umsatz in kurzer Zeit generieren lässt. Wie Blei stehen die Flakons jetzt in den Regalen. Weil viel weniger Leute als zuvor mit Mund-Nase-Masken shoppen gehen, wie Marktanalysten beobachten. Und weil diejenigen, die dennoch kommen, ihr Geld wegen Kurzarbeit und drohender Arbeitslosigkeit zusammenhalten. Statt es für Verflüchtigendes auf den Kopf zu hauen.

Galeria Karstadt Kaufhof Bad Cannstatt in Stuttgart
Zudem haben Reisewarnungen und Grenzschließungen nicht nur die Nachfrage nach Flugreisen und Kreuzfahrten einbrechen lassen. Sondern auch die nach Koffern. Und nicht zuletzt benötigen diejenigen, die heute im Homeoffice arbeiten, statt Zeichenblock und Filsstift eher leistungsfähige Hard- und Software. Doch die sucht man in der Schreibwarenabteilung des Warenhauses vergeblich.

„Für Bad Cannstatt ist das ein Schlag ins Gesicht“, kommentiert Bernd-Marcel Löffler das angekündigte Aus. Von seinem Büro im Rathaus blickt der Bezirksvorsteher auf das, was die Entscheidung aus der Essener Konzernzentrale mit voller Wucht treffen könnte: die historische Cannstatter Altstadt, in deren engen Gassen es noch zahlreiche kleine Geschäfte und rustikale Weinstuben gibt. Noch lässt es sich dort entspannt einkaufen, Kaffee trinken und Essen gehen lässt: Die autofreie Cannstatter Marktstraße, von einem schönem Ensemble gut erhaltener Fachwerkhäusern gesäumt, gilt als Einkaufsmeile des Stadtbezirks. Auf rund 400 Metern Länge durchquert sie die Altstadt, die zu Unrecht im touristischen Schatten von Stuttgart im Dornröschenschlaf weilt, wie manche Cannstatter beklagen.

„Der Kaufhof war die letzten 40 Jahre der Anker für die Händler in der Marktstraße“, sagt Löffler. Ohne Kaufhaus fehle der wichtigste Frequenzbringer, befürchtet der Schultes. Was die Aussichten des örtlichen Einzelhandels weiter verschlechtern dürfte. „Wir hatten in den letzten Jahren schon Trading-Down zu verkraften“, schildert Löffler den Wandel. Wo früher  Modeboutiquen, Uhrmacher, Juweliere und ein Radiohaus ansässig waren, breiteten sich zuletzt immer mehr Handy-Läden, Döner-Imbisse und Ein-Euro-Shops aus. Mit der Corona-Krise nahm der Leerstand dramatisch zu. Selbst die Neueröffnungen von Barber-Shops können diesen nicht mehr kaschieren. Ohne Kaufhof könnte der Einzelhandel in der Altstadt kollabieren, befürchtet Löffler.   

„Zur Jahrtausendwende gab es in der Marktstraße noch rund ein Dutzend Läden, deren Eigentümer in der dritten Generation im Obergeschoss des eigenen Geschäftshauses lebten“, erzählt auch Olaf Schulze, Vorsitzender des Vereins Pro Alt-Cannstatt. Heute finden sich nur noch zwei inhabergeführte Läden vor Ort, ein Schuhhaus und ein Spielwarengeschäft. „Für die Generation 50 plus ist die Schließung des letzten „richtigen“ Kaufhauses natürlich ein Verlust“, meint Schulze die Cannstatter, die es bislang schätzten, keine weiten Wege bis in Stuttgarts Königsstraße zurücklegen zu müssen. Oder die nach der Arbeit beim Daimler spontan einen Abstecher in die Marktstraße machen.

Dabei galt Bad Cannstatt als Impulsgeber der glanzvollen Warenhaus-Ära. Zwar eröffnete im Jahr 1852 das erste große Kaufhaus in Paris seine Glastüren. Was damals einer Revolution gleichkam: Unter einem Dach gab es im Le Bon Marché im 7. Arrondissement für die Kunden alles für täglichen Bedarf. Das erste Warenhaus in Deutschland wurde im Jahr 1875 in der Hansestadt Stralsund von Abraham und Ida Wertheim gegründet. Aus einem anfangs bescheidenen Kurzwarenangebot entstand der Wertheim-Warenhauskonzern, der von den Nationalsozialisten enteignet und nach dem Zweiten Weltkrieg wiedergegründet wurde. Mitte der 1980er Jahre wurde die Marke von Hertie und diese Gruppe wiederum 1994 von Karstadt übernommen. Vor zwei Jahren dann fusionierten Karstadt und Kaufhof.

In Bad Cannstatt wiederum gründete Max Hirsch in den 1890er-Jahren sein erstes Warenhaus. Der jüdische Kaufmann handelte mit Textilien und Lebensmitteln, wie das Handelsregister verrät. Mit Gewinnen, denn Hirsch expandierte mit Filialen über den Neckar hinweg ins benachbarte Stuttgart und ins damals noch eigenständige Feuerbach. „Bis in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gab es in Bad Cannstatt noch mehrere Privatkaufhäuser“, so Schulze.

In dieser Zeit wollte auch der damalige Kaufhof-Konzern im größten Stuttgarter Stadtbezirk Flagge zeigen. Im März 1971 wurden die Kaufhofpläne am Wilhelmsplatz öffentlich vorgestellt. Autogerecht mit Parkdeck auf dem Kaufhausdach, für dessen Zufahrtsspindel ein beträchtlicher Teil der Altstadt zum Opfer gefallen wäre. Was die Cannstatter prompt auf die Barrikaden brachte und zur Gründung der Bürgerinitiative „Rettet die Cannstatter Innenstadt“ führte.

Erst als die Bauherren auf das Parkdeck verzichteten, konnte im August 2015 der Startschuss für das 18 Millionen Mark teure Kaufhausprojekt fallen. „Auch in abgespeckter Form mussten historische Gebäude dem Warenhaus weichen“, erwähnt Schulze, dass der Standort außerhalb der Stadtmauer geschichtsträchtig war. Bis in die vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts hatten dort die erste Hautklinik Deutschlands und ein großes Lichtspielhaus ihren Sitz. Für das Kaufhaus machte die Abrissbirne die Geburtshäuser des schwäbischen Mundartdichters Thaddäus Troll und das der Mutter von Albert Einstein platt.

Die Trauer darüber hielt sich jedoch in Grenzen: Am Eröffnungstag am 11. November 1976 stürmten rund 50.000 Besucher das Warenhaus, wie die Lokalzeitung berichtete. In weiser Vorausschau hatten die 320 Mitarbeiter der damals bundesweit 84. Kaufhof-Filiale mit einem viertägigen Probelauf den Ernstfall geübt.

Doch diese gute alte Zeit liegt lange zurück. Im Jahr 2006 eröffnete mit dem Cannstatter Carré nur 300 Meter Luftlinie entfernt eine größere und attraktivere Konkurrenz. Die Verkaufsflächen des Einkaufszentrums mit rund 40 Geschäften, darunter Frequenzbringer wie Lidl, Kaufland und Media Markt, summieren sich auf 22.000 Quadratmeter. Daneben sorgen ein Fitness-Studio, Büros und ein Ärztehaus für Zulauf. Der Gebäudekomplex auf einem ehemaligen Industriegelände verfügt zudem über eine Parkgarage mit 370 Stellplätzen. Fußläufig ist er vom Bahnhof Bad Cannstatt erreichbar.

Galeria Karstadt Kaufhof Bad Cannstatt
„Spätestens seit es das Cannstatter Carré gibt, gab es auch immer wieder Gerüchte um eine Kaufhof-Schließung“, so Schulze. Der Corona-Lockdown, der den Galeria-Häusern Umsatzverluste von einer Milliarde Euro bescherte, dürfte den Todesstoß versetzt haben. Dabei traf es nicht nur die Großen. Jeder dritte kleinere Einzelhändler fürchtet wegen des Virus um seine Existenz, wie eine aktuelle Umfrage des Handelsverbands Deutschland zeigt. Von 400 Unternehmen gaben 80 Prozent an, für die Zukunft der Branche schwarzzusehen. Ausgenommen davon sind nur diejenigen Geschäfte, die Lebensmittel verkaufen.

„Die Preisfrage ist jetzt, was nach der Schließung des Kaufhofes passiert“, hofft Achim Barth, Vorsitzender des Cannstatter Handels- und Gewerbevereins, dass die entstehende Lücke schnell geschlossen wird. „Wir dürfen keinen langandauernden Leerstand haben“, sagt auch Bezirksvorsteher Löffler. „Das ist in Corona-Zeiten wesentlich schwieriger zu vermeiden“, ergänzt er. Zudem sei der Einfluss von Politik und Stadtverwaltung gering: Immobilie und Grundstück gehören mehreren Erbengemeinschaften.

Wer könnte auf den Kaufhauskonzern folgen? Als Hypothek erweist sich unter anderem die Bausubstanz des Warenhauses, die über viel Beton und wenig transparente Fensterflächen verfügt. „Das Erdgeschoss könnte ein griechisches Kaufhaus mit mehreren Einzelgeschäften belegen“, kann sich Olaf Schulze von Pro Alt-Cannstatt vorstellen. Im Stadtbezirk ist der Anteil der Bevölkerung mit hellenischen Wurzeln besonders hoch. In den Obergeschossen wären Büros denkbar, so Schulze.

Peter Mielert schwebt anderes vor: ein kulinarisches Erlebniszentrum mit Lebensmittelhandel und Gastronomie. „Schließlich wurde Bad Cannstatt bei seiner Eingemeindung nach Stuttgart im Jahr 1905 das Recht auf eine eigene Markthalle vertraglich zugesichert“, sagt der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bezirksbeirat. Die oberen Etagen will er mit kulturellen Angeboten bespielen. „Da könnten sich die Cannstatter Vereine der Öffentlichkeit präsentieren“, so Mielert.

Noch sind alle Ideen nur Gedankenspiele. Vielleicht eröffnet auch nur ein Abriss mit Neubau neue Perspektiven. Wann die Lichter im Cannstatter Kaufhaus für immer ausgehen, ist ebenfalls unklar. „Uns wurde noch nichts gesagt“, sagt ein Kaufhausmitarbeiter. Landeswirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) forderte den Konzern derweil auf, die Schließungspläne noch einmal zu überdenken. Vor Ort in Bad Cannstatt glaubt niemand daran, dass sich die Manager im fernen Essen umentscheiden.




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