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Verkehrswende verkehrt

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Veröffentlicht von in Mobilität · 15 Januar 2020
Tags: AutoAbgasMobilitätVerkehrMesseCMTReisemobilCaravanDUHUmwelthilfeVCD
Wer Urlaub von Krieg und Krisen braucht, der kann dieser Tage auf die Messe CMT 2020 in Stuttgart flüchten. Auf der weltweit größten Tourismus- und Freizeitmesse ist die Welt noch in Ordnung. Weder ist der tödliche Raketenabschuss im Iran ein Thema. Noch sind es die verheerenden Buschbrände im ausgetrockneten Australien.

„Die CMT 2020 ist die größte und schönste CMT, die es jemals gab“, jubelte Messe-Geschäftsführer Roland Bleinroth zur Eröffnung. Ein wachsendes Bewusstsein für den ökologischen Fußabdruck oder gar die jüngst viel diskutierte Flugscham täten dem Reisen an sich glücklicherweise keinen Abbruch, betonte er. Im Gegenteil: „Die Reiselust ist ungebrochen. Der weltweite Tourismus steuert auf das zehnte Rekordjahr in Folge zu“, so Bleinroth. Mit 2161 Ausstellern aus 100 Ländern und 360 Regionen verzeichne man neue CMT-Rekordwerte. Mit 1200 Fahrzeugen und 120 Premieren präsentiere man „größten und vielfältigsten Caravaning-Bereich aller Zeiten“, schwärmte er.

Das Angebot kommt zur rechten Zeit. „Der größte touristische Treiber in Deutschland ist Camping – es gibt kein Segment, das stärker wächst“, weiß Uwe Frers, Geschäftsführer von ADAC Camping. „Der Trend kennt nur eine Richtung: nach oben“. Wer dabei an Reisen mit Rucksack und Zelt denkt, liegt falsch. Campingplätze in Nah und Fern steuern die meisten Urlauber heute motorisiert an. Klassisch mit eigenem PKW und Wohnwagen im Schlepptau, auch als Caravan bezeichnet. Oder immer häufiger im rollenden Eigenheim mit eigenen Motor: Wohnmobilisten erobern die Welt.

WohnwagenAllein sechs der zehn riesigen Messehallen fungieren auf der CMT als Interimsparkplatz für die sogenannten Freizeitmobile, neudeutsch Caravan Utility Vehicle oder CUV. Wer kritischen Auges durch die Hallen streift, wähnt sich auf einem anderen Stern: Abgasskandal, Autobahnstaus und Parkplatznot sind kein Thema. Die bedrohliche Klimakrise, die der Verkehrssektor hierzulande weiter anfeuert? Nichts mehr als eine Fata Morgana. Stattdessen präsentieren die Hersteller ihre Neuheiten vor Großdisplays, die idyllische Seenlandschaften unter strahlend blauem Himmel zeigen. Werbebotschaften sprechen von individueller Freiheit und einzigartigem Naturerlebnis. Zehntausende drängten sich am Eröffnungswochenende durch die Messehallen.

Die „Caravaning-Branche brummt“, sagt ein Aussteller auf der CMT. Ob tonnenschweres Luxusheim auf drei Achsen, Mini-Van zum Selbstausbau oder klassischer Wohnwagenanhänger, alle gingen weg wie geschnitten Brot. „Wenn nicht, dann macht man was falsch“, so der Branchenkenner. Amtliche Statistiken spiegeln den Boom wider: Neuzulassungen von Wohnwagen und Reisemobilen legten in 2019 um 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu. Von einen „All-time-high“ von 80 000 Erstzulassungen spricht Kai Dhonau, Präsident des Deutschen Caravaning Handels-Verbands (DCHV).

Der Fuhrpark wuchs rasant weiter. Laut Kraftfahrzeugbundesamt (KBA) waren zum Stichtag 1. Januar 2019 insgesamt 1.207.363 Freizeitfahrzeuge zugelassen. Mit 674 676 Fahrzeugen stellten Wohnwagen das größte Segment. Die Zahl der Reisemobile erreichte mit 532.687 ebenfalls einen neuen Höchststand. Branchenkenner erwarten, dass es bald mehr Reisemobile als Wohnwagen in Deutschland gibt. Seit Anfang 2010 wuchs allein ihr Bestand um über 200.000 Fahrzeuge.

Tatsächlich gibt viel mehr Freizeitmobile. Denn die KBA-Statistik erfasst nicht die Caravans der Dauercamper, die ohne Kennzeichen sind. Nach Hochrechnungen beträgt der Wohnwagen-Bestand in Deutschland über 900.000 Fahrzeuge. Ebenso fehlen im KBA-Register Fahrzeuge, die zum Stichtag vorübergehend außer Betrieb gesetzt waren. Zudem können Reisemobile auch als Pkw, Lkw oder Büromobil zugelassen werden, wodurch sie ebenfalls nicht von der Statistik erfasst werden.

CMT Stuttgart CaravaningWas die einen jubeln lässt, treibt Umwelt- und Klimaschützern die Sorgenfalten ins Gesicht. Verkehrswende verkehrt: Statt weniger verstopfen immer mehr Fahrzeuge Deutschlands Straßen, die zudem größer und schwerer als herkömmliche Autos sind. Im Vergleich schrumpfen die umstrittenen SUVs zum Kleinwagen. „Wer mit Wohnwagen oder Reisemobil unterwegs ist, hat ein Eigenheim mit im Gepäck“, sagt Matthias Lieb, Landesvorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland (VCD). Bis zu 3,5 Tonnen können Wohnmobile auf die Waage bringen, um noch mit Pkw-Führerschein gefahren zu werden. Ein Gewicht, das mit höherem klimaschädlichen CO2-Ausstoß zu Buche schlägt. „Zudem werden Wohnmobile  öfter und weiter bewegt als früher“, erwähnt Lieb die steigende Laufleistung der Fahrzeuge.

Wie viel Liter Sprit seine Fahrzeuge schlucken, verrät keiner der Hersteller. Verbrauchsangaben sucht man auf der CMT vergeblich. Touchscreens und Prospekte verraten nur Fahrzeuggröße und Schlaffläche. „Verbrauchsmessungen sind bei Reisemobilen noch nicht vorgeschrieben“, erklärt ein Aussteller. Mit acht bis neun Liter ließe sich ein kleineres Wohnmobil fahren, versichert er. Die gängige Motorisierung basiere auf den gleichen Dieselmotoren, die in gewöhnlichen Kastenwägen verbaut sind. Alle Motoren erfüllten bereits die strengste Abgasnorm Euro 6d-TEMP.

„Wohnmobile sind sicher nicht das klimafreundlichste Verkehrsmittel, um von A nach B zu kommen“, sagt Jürgen Resch, Vorsitzender der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Wie im Pkw-Segment seien die Fahrzeuge in Größe, Gewicht und Ausstattung in den letzten Jahren immer weitergewachsen. Im Gegensatz zu der Nutzung von SUVs würden Wohnmobile aber üblicherweise nicht für alltägliche Besorgungsfahrten genutzt, in vielen Fällen würde Carsharing gewählt, betont Resch. Wohnmobil-Nutzer seien in der Regel auch sehr naturverbunden.

Dass nahezu 100 Prozent der Wohnmobile mit Dieselmotoren angetrieben werden, ärgert Resch dagegen. „Der Fiat Ducato ist dabei beispielsweise ein besonders verbreitetes, aber auch leider ein besonders schmutziges Diesel-Modell. Für den Motor dieses Modells, als auch für die eingesetzten Motoren von VW und Daimler, sind NOx-Hardware-Nachrüstlösungen verfügbar“, fordert der DUH-Chef die Nachrüstung älterer Wohnmobile mit NOx-SCR-Katalysatoren.

HymerGeht es nach der Freizeitfahrzeug-Branche, dann sind Urlaubsfahrten mit dem eigenen Apartment dagegen nachhaltig. Hersteller und Lobbyisten berufen sich auf eine Studie des Darmstädter-Ökoinstituts von 2006 und deren Aktualisierung im Jahr 2012, in der verschiedene Reiseformen auf ihren ökologischen Fußabdruck untersucht sind. Die Ergebnisse der vier untersuchten Reiseziele zeigen, dass Wohnmobilfahrten stets mit geringeren CO2-Emissionen verbunden sind als Reisen mit Flugzeug oder Pkw und Hotelübernachtungen. Der Umweltvorteil fällt umso höher aus, je mehr Personen gemeinsam im Wohnmobil reisen und je kürzer die Wegstrecke ausfällt. Im Umkehrschluss sinkt der Umweltvorteil des Wohnmobils gegenüber Flugzeug und Pkw mit der steigenden Entfernung zum Urlaubsziel. „Festzuhalten ist, in den meisten Fällen verursacht die Reise mit dem Reisebus die geringsten Treibhausgasemissionen“, so das Fazit der Studie, die im Auftrag des Caravaning-Industrieverbands erstellt wurde.

Ähnliches gilt für Wohnwagen ohne Motor. „Natürlich stellen auch wir uns dem Thema. Wir versuchen unsere Fahrzeuge so nachhaltig wie möglich zu bauen“, betont Thomas Kamm, Marketing-Leiter bei Fendt. Der führende deutsche Caravan-Hersteller aus dem bayerischen Mertingen präsentiert auf der CMT ein Jubiläumsmodell, den 250.000. Fendt-Wohnwagen. „Wir schauen auf die Materialien, die wir verwenden“, erwähnt Kamm, dass nur Holz aus zertifizierter Waldwirtschaft verbaut werde. Auch beim Gewicht habe sich sehr viel getan, verweist er auf Leichtbau, dem nur die notwendige Steifigkeit Grenzen setze. Und im Stammwerk habe man schon vor Jahren eine Holzstaub-Absauganlage installiert, deren Rückstände in einem Blockheizkraftwerk zur Heizung und Stromgewinnung verfeuert werden. Ganz ohne Emissionen ginge es aber nicht, gesteht Kamm zu. Hier bedürfe es neuer Antriebstechnologien wie etwa der Brennstoffzelle beim Zugfahrzeug. Batteriegetriebene Autos seien wegen geringer Reichweiten weniger geeignet.

Da ist Jürgen Resch anderer Meinung. „Wir erhalten von vielen Campern auch besorgte Nachfragen, was zur Verbesserung der Umweltsituation unternommen werden kann“, erwähnt er. Hier habe die DUH klare Forderungen: „Wir erwarten, dass die Wohnmobilbranche sich vom Dieselmotor vor dem Jahr 2025 bei Neufahrzeugen verabschiedet und in die Elektromobilität einsteigt“, so Resch. Für eine kurze Übergangszeit würde sich dafür auch Flüssiggas CNG anbieten.

Klimakrise und Caravanurlaub? „Das Thema spielt bei den Besuchern keine Rolle“, sagt ein Aussteller auf der CMT. „Es fällt auf, dass erstaunlich viele Foristen den menschengemachten Klimawandel leugnen oder zumindest verharmlosen“, schreibt auch der Wohnmobil-Blogger Jörg Rüblinger. https://www.hesslingers-reise.de/ Bei einigen Kommentaren habe er den Eindruck, dass man sich keinesfalls den Spaß am "Umherfahren" mit dem tollen Wohnmobil vermiesen lassen möchte. Um sich keine Gedanken über eine mögliche Verhaltensänderung machen zu müssen, würden die wildesten Verschwörungstheorien aufgestellt.

Das es auch anders geht, beweist der Verein „WOHNmobil für Klimaschutz“, den begeisterte Camper im November gegründet haben.  Mit dem Jahresbeitrag von einem Cent pro gefahrenen Kilometer wollen die Mitglieder Bäume pflanzen, die CO2 binden. Der erste Baum wurde zur Gründungsversammlung auf einem Wohnmobilstellplatz in Wiesbaden gesetzt. Auf der CMT werben die Wohnmobilisten für ihre Idee. „Wir haben bislang viel positive Resonanz erfahren“, so ein erstes Messefazit.




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