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Nachhaltig getäuscht

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Veröffentlicht von info@politogo.de in Umwelt · 25 Juni 2020
Tags: GreenwashingKlimawandelKohlekraftwerkBangladeschFichtner
Angesichts von Milliardenumsätzen war es nur ein Miniauftrag. Doch die Lieferung einer Zugsignalanlage im Wert von 18 Millionen Euro an eine Kohlemine in Australien bescherte Siemens im vergangenen Januar ein PR-Desaster. Heftig protestierten Klimaaktivisten gegen das Geschäft. Selbst Greta Thunberg meldete sich zu Wort und forderte den Münchner Konzern auf, das Engagement bei der Erschließung des Carmichael-Kohlebergwerks zu überdenken.

Bekanntlich kam es anders als von den Klimaschützern gefordert. Nach "Abwägung aller Fakten und Gesprächen mit Dritten" liefern die Münchner doch die Signale für die Bahnstrecke, auf der das schwarze Gold über Hunderte Meilen zu einem neuen Kohlehafen an der australischen Ostküste transportiert werden soll. "Wir dürfen kein Unternehmen sein, auf das sich die Kunden nicht verlassen können", begründete Siemens-Chef Joe Kaeser die Entscheidung. Zudem würde die Mine auch ohne Siemens-Technik gebaut.

Ironie der Geschichte: Millionen Tonnen Kohle aus der mit Siemens-Zugtechnik ausgestatteten Mine könnte in einem Kohlemeiler in Bangladesch verfeuert werden – an dessen Bau ein weiteres deutsches Unternehmen gut verdient: die Stuttgarter Fichtner-Gruppe. Frappierend sind die Gemeinsamkeiten beider Projekte, sowohl was die ökologischen Folgen als auch die Rechtfertigung der beteiligten Unternehmen betrifft.

Planung und Bau des umstrittenen Kohleraftwerks Rampal im Süden Bangladeschs, koordiniert das schwäbische Familienunternehmen Fichtner. Seit Bekanntwerden der Pläne vor einem Jahrzehnt laufen Anwohner und Umweltschützer Sturm gegen das Kraftwerk, das die staatliche indische Thermal Power Corporation (NTPC) gemeinsam mit dem bangladeschischen Power Development Board realisiert. Nach der geplanten Inbetriebnahme im Jahr 2022 wird Rampal das größte Kraftwerk des südasiatischen Landes sein.

Kritik erntet das Fichtner-Projekt unter anderem, weil es eine Fläche von rund 750 Hektar an fruchtbarem Boden verbraucht, der in dem überbevölkerten Land immer knapper wird. Seine 1320-Megawatt-Blöcke sollen zudem in nur vierzehn Kilometern Entfernung von den berühmten Sundarbans entstehen, den größten und artenreichsten Mangrovenwäldern der Welt. Diese wurden 1997 von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt.

Nach Berichten des "Daily Stars", einer der größten englischsprachigen Tageszeitungen Bangladeschs, verletzt das Projekt Vorgaben der Umweltverträglichkeitsprüfung. So genehmigte das Energieministerium zwar am 1. August 2013 den Bau, formulierte danach aber Umweltschutzbedingungen, die das Kraftwerk erfüllen muss. Dabei verstößt schon der Standort gegen eine der wichtigsten Forderungen, nämlich dass dieser außerhalb eines Radius von 25 Kilometern um ein ökologisch sensibles Gebiet sein muss.

Schon seit langem fürchten Wissenschaftler und Aktivisten, dass das Kraftwerk für den Mangrovenwald katastrophale Folgen haben könnte. Die Regierung unter Ministerpräsidentin Sheikh Hasami stellte sich jedoch gegen Aufrufe zum Abbruch oder zur Verlagerung des Projekts. Stattdessen bestand sie darauf, dass das Kraftwerk keinen Schaden anrichten wird. Gegen Demonstranten setzten die Sicherheitskräfte in der Vergangenheit Tränengas und Gummigeschosse ein.

Die Schadstoffemissionen von Kohlekraftwerken bedrohen die Wälder und die Gesundheit von rund 2,5 Millionen Menschen, die in den Küstengebieten wohnen, warnt dagegen Meenakshi Ganguly in einem aktuellen Aufsatz. Die Südasien-Direktorin von Human Rights Watch verweist auf den Zyklon Amphan, den stärksten Tropensturm seit 20 Jahren im Golf von Bengalen, der im vergangenen Mai auf die Küsten Indiens und Bangladeschs traf. Amphan riss Dächer ab, spülte Häuser weg und überflutete Felder. "Entscheidend war, dass Bangladesch aufgrund seines Notfallsystems mit Frühwarnungen und Massenevakuierungen in der Lage war, die Auswirkungen zu mildern und Leben zu retten. Und weil die Küstengemeinden durch den Sundarbans geschützt wurden", schreibt sie.

Tatsächlich fungieren die Mangrovenwälder als natürliche Wellenbrecher an den Küsten des Landes. Zudem schützen die Wurzeln der salztoleranten Bäume vor Erosion, trotz des ständigen Wechsels der Gezeiten. "Der Klimawandel verstärkt die Intensität extremer Wetterereignisse wie Amphan und gefährdet damit die Sundarbans, wenn sie am meisten gebraucht werden", warnt Ganguly. Zur Stromerzeugung auf fossile Energieträger zu setzen, sei unverantwortlich. "Während die Mangroven den Klimawandel verlangsamen, indem sie Kohlenstoff aufsaugen, tragen Kohlekraftwerke zu Treibhausgasemissionen bei, die die globale Erwärmung weiter anheizen."

Internationale Bemühungen zum Schutz der Sundarbans wurden zuletzt ausgebremst. Eine Empfehlung der International Union for Conservation of Nature, den Mangrovenwald auf die Liste der gefährdeten Welterbestätten zu setzen, wurde vom Welterbekomitee der UNESCO unter dem Vorsitz von China abgelehnt. Die chinesische, bosnische und kubanische Delegation verabschiedeten sogar einen Änderungsantrag, mit dem die Erwähnung des Kraftwerks Rampal und zweier gemeinsamer Kohlekraftwerke von Bangladesch und China aus der Entscheidung gestrichen wurde, so Ganguly.

"Der Klimawandel ist eine sehr reale, unmittelbare Bedrohung für die fast 165 Millionen Menschen in Bangladesch, wo ein Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter fast 20 Prozent des Landes überfluten und Millionen Menschen vertreiben könnte. Dies verpflichtet die Regierung zu einer Klimapolitik, die mit den besten verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen im Einklang steht. Letztlich auch, um die Menschenrechte zu respektieren, zu schützen und zu erfüllen", so die Direktorin von Human Rights Watch.

Im Rahmen einer Informationsreise in besonders durch den Klimawandel betroffene Regionen in Asien besuchte im März 2019 eine Bundestagsdelegation die Kraftwerksbaustelle in Rampal. "Die zu erwartende Luftbelastung, nicht zuletzt auch das hohe Schiffsaufkommen durch Kohletransporte quer durch die Sunderbans sind besorgniserregende Faktoren, die nach dem Bau des Kraftwerks zu erwarten sind", schreibt Claudia Roth (Grüne) in ihrem Bericht. Bei dem Treffen der Delegation mit der Betreibergesellschaft seien deren Vertreter sehr bemüht gewesen, aufzuzeigen, dass die Risiken beherrschbar seien, so die Bundestagsvizepräsidentin.

Sprechen konnten die deutschen Besucher auch mit einem Firmenvertreter von Fichtner. Er habe Verständnis für die Kritik aus der Zivilgesellschaft und für kritische Fragen der Delegation gezeigt, so Roth. Man habe in der Firma intensiv darüber diskutiert, ob man ein solches Projekt verantworten könne, betonte der Mitarbeiter. Hauptargumente, an diesem Projekt mitzuwirken, seien unter anderem die seit den Sechzigerjahren bestehende gute Zusammenarbeit mit und in Bangladesch gewesen. Auch spräche die geplante Nutzung effizientester Technologie zur Kohleverstromung dafür. Dank sehr hoher Schlote, so der Firmenvertreter weiter, blieben die Sunderbans von den Emissionen verschont. Und ohne die Technologie von Fichtner würden chinesische oder russische Unternehmen mit einer wesentlich älteren und unsaubereren Technologie das Kraftwerk bauen. "Unsere Delegation kam zum Schluss, dass die Argumente zwar einleuchten, aber nicht befriedigend erscheinen. Mit der gleichen Logik könne man den Bau ähnlicher Anlagen in jedem Schutzgebiet rechtfertigen", schreibt Roth.

Kritisch sieht das Kraftwerksprojekt auch die Bundesregierung. Deutschland beteilige sich am Naturschutz in den Sundarbans und man habe daher in Regierungsverhandlungen den "erheblichen Sorgen bezüglich des Kohlekraftwerks Rampal explizit mündlich und schriftlich Ausdruck verliehen", heißt es auf eine Anfrage des Grünen-Abgeordneten Omid Nouripour im August 2017. Die Bundesregierung trete gegenüber Bangladesch regelmäßig auch für die Beachtung der Menschenrechte, insbesondere der Meinungs- und Versammlungsfreiheit, ein.

Zuhause in Deutschland schweigt Fichtner zum klimaschädlichen Kraftwerksprojekt in Bangladesch. Stattdessen präsentiert das Unternehmen im Internet ein anderes Bild von sich. Über dem Versprechen "weltweit für den reibungslosen Ablauf von anspruchsvollen und komplexen Projekten" zu sorgen, prangt ein Offshore-Windpark. In den Unternehmensleitlinien sowie im firmeneigenen "Code of Conduct" versichert die Firma, sich "dem Thema Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung verpflichtet" zu fühlen. "Wir streben Lösungen an, die nachhaltig und umweltschonend sind. Nach Möglichkeit sollen die Lösungen die Lebensgrundlagen kommender Generationen so gering wie möglich belasten", heißt es. Die traditionsreichen "Fichtner Talks", ein jährliches Seminar mit prominenten Referenten, widmet sich am 25. September 2020 "Strategien, Chancen und Konsequenzen für Zero Emission", also einer klimaneutralen Welt.

Am vergangenen Freitag (19.6.2020) haben Klimaschützer von Fridays for Future und weiteren Umweltschutzgruppen vor der Fichtner-Firmenzentrale in Stuttgart demonstriert und eine Petition mit mehr als 25.000 Unterschriften übergeben, die die bangladeschische Umweltschützerin Tonny Nowshin ins Leben geruffen hat. Die Unterzeichner fordern das Unternehmen auf, sein Leitbild in die Praxis umzusetzen, nicht mehr am Kohlekraftwerk Rampal mitzuwirken sowie Planung und Bau von Kohlekraftwerken weltweit einzustellen. Ein Firmensprecher nahm die Unterschriften ohne weitere Diskussion entgegen. Er verwies auf ein Schreiben an die Klimaschützer, in dem Fichtner Kohle als Brückentechnologie bezeichnete. Zudem schaffe das Kraftwerk Arbeitsplätze und verbessere die örtliche Strom- und Wasserversorgung.

Anders als im Fall Siemens sorgte der Protest der Stuttgarter Klimaschützer gegen den schwäbischen Kohlemeiler in Bangladesch kaum für mediales Aufsehen. Auf eine schriftliche Anfrage reagierte die Fichtner-Gruppe nicht.
Foto: lepetitNicolas  (CC BY-NC-SA 2.0)



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